In den letzten Wochen kreisen meine Gedanken wieder – mal mehr, mal weniger. Und oft frage ich mich, ob ich zu viel erwarte. Zu viel vom Leben, zu viel von mir, zu viel von Menschen, die ich liebe.

Ich habe immer viel zugehört, viel geschluckt und Geheimnisse bewahrt wie die Büchse der Pandora – gegen meine Prinzipien, für Menschen, die es nicht Wert waren. Nur um die Zuneigung zu spüren, die ich mir so sehr wünsche.

Zugegebenermaßen war ich zu früheren Zeiten nicht stark genug, mich zu öffnen, meinen Gedanken eine Stimme zu geben oder mich von Menschen zu lösen, die Gift für mich waren.
Mit dem Ergebnis, dass ich heute viel Redebedarf habe.

Wenn der Kloß im Hals zu groß wird, um ihn zu schlucken, bricht es aus mir heraus. Um ehrlich zu sein, halte ich auch nicht viel davon Probleme auszusitzen.
Aber was wenn du viele Worte hast, fast tausende und sie niemand versteht. Bleibst du dann stumm?

Ich bin nicht einfach. Ich denke zu viel. Ich zerrede zu viel. Ich will alles verstehen.
Ich verlange viel.
Etwa zu viel?
Wie immer höre ich dann die kleinen, aber bestimmten Worte in meinem Kopf widerhallen: zu anspruchsvoll, zu fordernd, zu unrealistisch.

Aber wer entscheidet denn, ob ich zu viel will – zu viel vom Leben, zu viel von mir oder aber vor allem zu viel von dem Menschen, für den ich alles geben, alles tun würde.

Du kannst alles haben

Erzogen nach dem Prinzip du kannst alles – auch haben, wenn du es nur willst und wenn du bereit bist etwas dafür zu tun. Bereits früh in der Kindheit verwurzelt liegt das Problem.
Problem – ist es das wirklich?
Und um ehrlich zu sein ich bin froh, dass ich mit so viel Mut, mit so viel Vertrauen in mich selbst und andere groß geworden bin.

Es wird dadurch jedoch unsagbar schwer sich von Wünschen, von Träumen zu lösen, vor allem von der Erwartungshaltung anderen gegenüber.

Und dann begegnest du Menschen, die dir die Illusion nehmen wollen und immer wieder versuchen dich zu erden, dich dazu überreden wollen, dich mit weniger zufrieden zu geben.

Versteht mich nicht falsch, es geht nicht darum nach dem immer besseren zu streben oder nie ankommen zu wollen. Ich sehne mich nach nichts mehr als eine Heimat zu finden. Eine Geborgenheit, die ich als einer der wenigen Menschen heute und noch immer im Elternhaus erlebe und erfahre.

Ich will kein perfekt! Ich will es nur echt, nur ehrlich!

Menschen sind für mich nicht austauschbar, sie sind mit Respekt zu behandeln. Andere sind nicht da, damit nur ich mich besser fühle. Ich will geben und auch nehmen, fernab von zerstörerischen Persönlichkeiten. 

Und weil ich gelernt habe, was es heißt zu vertrauen, zu unterstützen, füreinander da zu sein, dem anderen den Rücken zu stärken, setze ich Erwartungen in meine Mitmenschen, die oft nicht im gleichen Maße erfüllt werden…können.

Ich weiß, nicht jede Erfahrung muss eine Negative sein!
Mutig habe ich mich immer wieder anderen geöffnet, ihnen meine Zeit, mein Gehör, meine Liebe und mein Vertrauen geschenkt. Wieder und wieder mit dem Ergebnis der großen Leere, wenn sie dir oder du endlich ihnen den Rücken gekehrt hast.

Was bleibt, sind Zweifel.
Zweifel, ob du in dieser Welt zu viel erwartest.
Zweifel, ob du dich selber schützen musst.
Zweifel, ob dir das hier und jetzt genug ist.
Zweifel, ob du geliebte Menschen vor eine zu große Hürde stellst.
Zweifel, ob die Liebe genug ist – ob du genug bist.

Und warum? Weil du wartest. Wartest auf das Ende – ein glatter Bruch, weil du nicht genug bist.

Mir sind Menschen begegnet, die mich ausgesaugt haben wie Vampire – mir meine Kräfte, meine Zeit, mir mein Urvertrauen in Menschen genommen haben, mich noch heute Zweifeln lassen. Und was bleibt, ist die große Last, die damit auf den Menschen in meinem Leben liegt. 

Lieber auf Nummer sicher gehen

Heute gehe ich Beziehungen ein, jedoch immer vorsichtig, immer mit Bedacht. Ich hadere mit mir, ob ich es riskieren soll noch einmal in ein so tiefes Loch fallen zu können oder doch lieber auf Nummer sicher gehe.

Was andere Menschen hinterlassen haben, ist heute eine Hürde, die für andere schwer zu erklimmen ist. Meine Ansprüche sind nicht hoch, ich bin unsicher.

Dennoch will ich es wie nichts anderes: Lieben mit Haut und Haaren, irgendwie die vergangene Jugend nachholen, die ich für andere geopfert habe. Liebe spüren, die ich nie gespürt habe. An eine Zukunft denken, die kitschig ist. An ein wir glauben, das nicht nur mich erfüllt.

Und so gebe ich alles, weil es echt ist, weil es richtig ist. Und wenn du alles auf eine Karte setzt, hast du Hoffnungen, Erwartungen und Ansprüche, die du mit deinen eigenen Handlungen vergleichst. Doch dabei weiß ich, dass kein Mensch gleich ist.

Und immer, wenn deine Erwartungen unerfüllt bleiben, kommt es schnell, das Gefühl nicht genug zu sein.

🖤 Anni

 

 

Fotos: Pauline Loth

4 Replies to “Nummer sicher

  1. Liebe Anni,

    ein wirklich sehr ehrlichere und auch sehr berührender Beitrag. Ich glaube manchmal, diese Erfahrungen haben die meisten in der Jugend gemacht. Und ja, man ist danach vorsichtiger… aber man muss auch das Leben leben, genießen und nach vorne blicken – einfach positiv denken 🙂

    Deine Texte erinnern mich immer so stark an mich selbst. Ich habe auch mal so geschrieben. Und ich musste erst lernen zu verzeihen und lernen, dass es auch anders laufen kann und das Trübsal blasen das Problem nicht löst und ebenfalls nicht nachtragend zu sein 🙂

    Liebe Grüße,
    Sarah

    http://www.vintage-diary.com

    1. Liebe Sarah,

      Wenn auch sehr spät, aber nicht vergessen.
      Tatsächlich hast du recht und alle erleben in ihrer Jugend diese Hochs und Tiefs.
      Leider haben diese mich bis in die Gegenwart verfolgt und er sehr spät habe ich gelernt mich zu befreien. Noch heute habe ich Ängste, die aus diesen langen Jahren, herrühren, aber ich werde besser darin, nicht alles an mich ran zu lassen.

      Hab einen schönen Tag
      Anni

  2. Liebe Anni,

    sehr ehrliche Worte. Und glaube mir, einige dieser Zweifel werden Dein ganzes Leben lang immer wieder auftauchen. Auch ich denke zu viel, und finde mich in Deinem Text total wieder. Mache aber (mittlerweile) viel mir mir selber aus. Ich musste lernen, dass viele Menschen oberflächlich und unehrlich sind. Anderen gegenüber, aber auch sich gegenüber. Deshalb ist es ganz gut, sich selbst mal zu hinterfragen. Aber man darf dieses nicht zu sehr an sich ranlassen. Viele Dinge, die Du schilderst, haben nichts mit Dir zu tun. Mit dem Alter (ich darf das sagen! ;-)) sieht man viele Dinge etwas anders. Man lernt, vorsichtig zu sein und erlebt trotzdem Rückschläge. Dies darf uns aber nicht aufhalten, weiterhin das Leben zu genießen und an uns zu glauben, zu lieben und zu leben.
    Vertraue auf Dich und Du wirst Deinen Weg finden!
    Manchmal läuft es im Leben nicht glatt. Aber es kommen immer wieder schöne Zeiten, an denen man sich erfreuen kann.
    Ach, ich könnte jetzt so viel mehr schreiben. Aber ich denke, das Meiste ist gesagt.
    Bleib wie Du bist! Fühl Dich gedrückt!!!

    Ganz liebe Grüße,

    Deine Tabea
    von tabsstyle.com

    1. Liebe Tabea,

      Ich finde es immer wieder schön zu hören, dass man mit Worten so viel beim Gegenüber erreicht und das man auf so viel Verständnis stößt.
      Danke für deine lieben und aufmunternden Worte.

      Hab einen schönen Tag.
      Drück dich.
      ♥️♥️♥️

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