Ich kenne keine Frau in meinem Alter, die nicht die Pille nimmt oder sie genommen hat. In meiner Jugend gehörte das einfach dazu – oder besser, wer die Pille nahm gehörte dazu. Ich erinnere mich noch wie stolz ich den ersten Pillenwecker eingestellt habe und die Öffentlichkeit endlich wusste: Sie nimmt die Pille, sie ist erwachsen, sie gehört dazu.

Wer nicht zum Kreis der Auserwählten gehörte – ich trat verhältnismäßig spät ein, wurde mit großen Augen angeguckt – es ließ ja schließlich auch den ein oder anderen Rückschluss auf den ersten Sex und damit das Spätzünder-Dasein zu.

Collage aus Blumen

„Keine Pille, oh Gott, womöglich mit 16 noch Jungfrau?! Na dann sollte sie jetzt aber auch langsam mal einen Zahn zulegen.“

Warum eigentlich? Ich frage mich noch heute wo das Problem liegt seine Jungfräulichkeit nicht gleich mit dem Ende der Kindheit über Bord zu werfen. Oh halt, ich weiß es – es gibt keins!

Ich erinnere mich noch gut an die vernichtenden oder amüsierten Blicke einiger meiner frühreifen Schulkameraden oder auch meiner Frauenärztin – Sorry, aber es ist verdammt noch mal meine Sache wann ich jemanden ranlasse.

Nach wie vor ist die Pille Verhütungsmittel Nummer eins – seit 1960 ermöglicht sie es Frauen ungewollte Schwangerschaften zu verhindern und die Kinderplanung individuell zu bestimmen.

Die Pille hat allerdings auch noch andere Vorzüge, als die Verhütung. Kinder sind grausam, die Pubertät nicht weniger. Und als ob das nicht schon genug wäre, straft die Natur einige von uns mit weniger schöner Haut und macht sie so leider zur Zielscheibe unserer oberflächlichen Gesellschaft. Die Pille scheint daher die Wunderwaffe schlechthin zu sein.

Die Pille, die Wunderwaffe?

Sie schützt vor einer ungewollten Teenie-Mutter-Karriere oder ermöglicht dir ein selbstbestimmtes Leben. Sie macht aus dir eine strahlende Schönheit und du schaffst den Step in den Kreis der Auserwählten.

Das Schlimmste was einem Mädchen durch die Einnahme der Pille passieren kann? Zunehmen, durch Wassereinlagerungen. Aber keine Sorge, selbst dafür gibt es die richtige Pille.

Ich gebe zu, ich habe damals einfach die Pille genommen, weil man das so gemacht hat. Einen Freund hatte ich nicht. Sex auch nicht. Pickel und Unreinheiten waren Fremdworte für mich – ich war gesegnet mit einem glatten, gesunden Hautbild. Was ich hatte, waren einige Kilos zu viel auf den Rippen. Die durch die Pille nicht weniger, aber auch nicht mehr werden sollten. Das war ganz im Sinne meiner Frauenärztin, die peinlich genau fragte, ob ich nicht lieber eine Pille will, die mich nicht noch mehr zunehmen lässt.

Ich denke nach

Leider hat die Antibabypille auch einige hässliche Eigenschaften. Eine richtige Aufklärung, etwa zum Thema Thrombose als riskante Nebenwirkung, gab es für mich nicht. Erst in den vergangenen Jahren wurden, die nicht ungefährlichen, Nebenwirkungen der Pille öffentlich diskutiert und haben auch mich zum Nachdenken angeregt.

Die Pille? Danke, nein.

Ich bin vom Konzept der Pille überzeugt – nicht jedoch von den negativen Auswirkungen auf meinen Körper und mein Gemüt. Mein Weg weg von der Pille, hin zu einer hormonfreien Verhütungsmethode, ist eine ganz individuelle Entscheidung gewesen. Ich kann und möchte keine medizinischen Fragestellungen beantworten.

Es gibt sicher auch Frauen, die aufgrund bestimmter Umstände die Pille nehmen müssen – Stichwort Endometriose. Deshalb, wenn ihr unsicher seid, geht zu eurem Arzt und bittet um ein offenes Gespräch.

Collage aus Bildern

Ich habe genau dieses offene Gespräch gesucht und musste meinen Wunsch zu einer hormonfreien Verhütung leider etwas deutlicher aussprechen. Ich hätte mir einfach den Support meiner Ärztin gewünscht – dass sie mehr auf meine Belange und Bedürfnisse eingeht und nicht, dass sie mich zur Hormonspirale überreden will.

Ich hatte aber im Gespräch mit anderen Beratungsstellen schon das Richtige gefunden und meinen Willen durchgesetzt. Das ist jetzt etwas über drei Jahre her.

Ich bin mir nicht mal sicher, wie lange genau ich dieses Teufelszeug in mich reingeschaufelt habe – aber es müssen um die zehn Jahre gewesen sein. Zehn Jahre habe ich meinem Körper diese Hormonbomben angetan.

Und heute leider ich mehr unter den Nebenwirkungen, als zur Zeit der Einnahme.
Während der Zeit, in der ich die Pille genommen habe, habe ich viel Gewicht verloren – bewusst und gewollt. Weniger gewollt, habe ich viele Haare gelassen und brüchige Fingernägel kassiert. Lust auf körperliche Nähe oder Sex? Keine.
Was nicht selten zu der Frage führte, ob mit mir etwas nicht stimmt.

Irgendwann habe ich mich entschlossen die Pille abzusetzen. Ich hatte keinerlei triftigen Grund sie zu nehmen und wollte mein Risiko einer Thromboseerkrankung nicht unnötig erhöhen. Ich merkte sehr schnell Veränderungen – zunächst mehr negative, als positive.

Wenn ich das gewusst hätte…

Nach dem Absetzen dauerte es fast ein Jahr bis ich das erste Mal wieder eine Periode hatte – was mich sehr beunruhigt hat. Es dauerte mehrere Jahre bis sich alles wieder eingepegelt hat.

Ich merkte plötzlich, was es heißt, einen weiblichen Zyklus zu haben. Während der Einnahme von Hormonen verhielten sich mein Gewicht, meine Stimmung und Gefühle konstant.
Heute fahre ich Achterbahn: Mein Gewicht geht auf und ab, ich habe Stimmungsschwankungen – so, dass ich mich manchmal selbst nicht mehr erkenne, mir fließen die Tränen ohne Grund und ich bin sensibler als je zuvor.

Was mir schwer zu schaffen macht? Meine reine Haut, sie ist dahin. Ich wechsele wochenweise zwischen trockener, fettiger und unreiner Haut – es ist als würde ich die Pubertät noch einmal durchleben. Was das mit meinem Selbstbewusstsein macht, brauche ich sicher nicht erklären.

Einfluss auf mein Gewicht nehmen? Fehlanzeige. Zu Zeiten der Pille war es ein Leichtes an den richtigen Schrauben zu drehen. Heute bedeutet es allergrößte Anstrengung und Verzicht – ohne Garantie auf Erfolg.

Porträt

Aber deshalb zurück zur Pille? Ich habe schon das ein oder andere Mal drüber nachgedacht, immer mit dem Ergebnis, dass ich das meinem Körper nicht mehr antun will. Ich will auch gar nicht wissen, welche Spätfolgen noch auf mich warten. Wenn ich gewusst hätte, was die Pille mit mir macht, hätte ich gleich die Finger davon gelassen.

Immerhin fühle ich mich ohne die Pille besser. Ich habe vielleicht kein ebenmäßiges Hautbild mehr, dafür aber gesunde, volle Haare und keine abgebrochenen Nägel mehr. Ich liebe die Liebe, die Nähe und die Körperlichkeit und habe Lust auf meinen Partner – etwas, dass ich um keinen Preis aufgeben will.


Ende.

8 Replies to “Mein Leben ohne die Pille

  1. Liebe Anni,

    ich hatte sogar mal das Problem mit meiner ersten Pille, dass ich so heftige Gefühlsschwankungen hatte, dass es nur Schwarz oder Weiß gab. Entweder ich war super gut drauf, oder ich wollte mich umbringen. Kein Scherz! Diese Pille wurde allerdings auch kurz nachdem ich sie nicht mehr nahm vom Mark genommen. Das sind schon wirklich zum Teil sehr heftige Hormonbomben…

    Ganz liebe Grüße,

    Tabea

  2. Ich habe auch lange mit Pille verhütet, sie nicht vertragen und irgendwann anders hormonell verhütet, was prinzipiell nicht besser ist. Als wir dann ein Kind wollten und ich den NuvaRing abgesetzt hatte, hatte ich Zyklen von 70 bis 40 Tagen… sehr normal… nicht!!! Naja, nun hoffe ich darauf, dass ich wirklich hormonfrei weiter verhüte, dazu brauch es aber noch paar Infos.
    Liebste Grüße, Sarah von ossilinchen.com

    1. Meine liebe Sarah,

      gruselig was man durch Gespräche noch so hört und wie vielfältig die Nebenwirkungen der Pille sind.

      Ich finde ja die Bewegung „Weg von der Pille/Hormonen“ deshalb auch so spannend und gut, weil sich Frauen dadurch viel intensiver mit sich und ihrem Körper auseinander setzen.

      Ich drücke dir für deine Pläne die Daumen.
      Liebe Grüße
      Anni

  3. Hi Anni,

    Mal wieder tolle ehrliche und offene Worte Danke dafür!
    Ich gehöre wohl auch zu denen, die sich nie Gedanken über Nebenwirkungen dieser ‚Hormonbomben‘ gemacht haben. Damals war es die logische Lösung für meine starken Regelschmerzen.
    Mit Schwangerschaft und Geburt meines Kindes habe ich mir viel mehr Gedanken über meinen Körper gemacht und was ich so alles an in heran lasse. Nun bin ich viel bewusster und habe nun auch die Finger von der Pille gelassen und lerne endlich meinen Körper viel besser kennen.

    Liebe Grüße

    1. Vielen Dank für deine lieben Worte.

      Ich bin so erstaunt wie viele mittlerweile auf die Pille verzichten und wie gut sie ihren Körper kennen.

      Ich wünsche dir einen schönen Tag und viele Grüße ☺️

  4. Liebe Anni,
    ich war fünfzehn, bin mit einer Freundin zum FA, wir wollten die Pille und wir haben sie bekommen. Ohne Untersuchung, ohne Infos. Wir waren gemeinsam im Behandlungszimmer. Fast vierzehn Jahre habe ich die Pille genommen und schon lange mit dem Gedanken gespielt, anders zu verhüten – nur wie…und dann haben mein Mann und ich beschlossen: es reicht! Keine Hormone mehr für mich! Wir wollen zwar auch keine Kinder, aber wenn man sich mit seinem Körper und dem Zyklus auseinandersetzt, dann kann man da auf jeden Fall auch ohne Hormone einen großen Einfluss drauf haben, ob man schwanger wird. Vier Monate ist das jetzt her und bisher funktioniert mein Zyklus wie ein Uhrwerk, ich habe keine nennenswerten Nebenwirkungen durch die Umstellung und fühle mich einfach nur gut damit!

    Liebste Grüße
    Victoria

    1. Meine liebe Victoria,

      wie erschreckend zu lesen, dass du in so jungem Alter und ohne große Auskunft die Pille bekommen hast.

      Tatsächlich zeigt sich ja erst über die Dauer der Einnahme, die ein oder andere Nebenwirkung.

      Ich hoffe du bleibst weiterhin so positiv eingestellt und merkst keine Nachteile – bei mir kamen Hautprobleme leider erst nach sechs Monaten.

      Viele liebe Grüße
      Anni

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