Wer loslässt, hat beide Hände frei. Und wer schon einmal, aus welchen Gründen auch immer, auf eine Hand verzichten musste, weiß wie gut es ist beide Hände zu haben. Ich glaube erst heute ist mir wirklich bewusst geworden, wie viel Wahrheit in diesem kurzen Satz steckt. Und auf was er alles anwendbar ist.

Loslassen, was bedeutet das eigentlich? Wir durchleben schon in der Kindheit Momente des Loslassens. Noch früher eigentlich, wenn man an die Abnabelung des Neugeborenen von der Mutter denkt. Unser ganzes Leben wird von also Trennungen begleitet. Man sollte also geübt sein, im Loslassen, im Trennen und doch scheint es die Königsdisziplin des Lebens zu sein.

Ich sitze auf einem Stuhl

Deshalb stellt sich die Frage nach dem Warum: Ist das Loslassen die Angst vorm Unbekannten? Die Angst, etwas alleine nicht zu schaffen?

Dabei haben wir alle unzählige Trennungen durchlitten, oder etwas milder ausgedrückt, durchlebt – schließlich war nicht alles mit tiefem Schmerz verbunden, außer vielleicht der Sturz vom Fahrrad beim ersten Versuch freihändig zu fahren.

Und wenn du wieder aufgestiegen bist, weißt du was dich für ein Gefühl der Freiheit überrennt, wenn du die Hände vom Lenker nimmst und mit der Straße eins wirst.

Und wenn wir zurückblicken, dann blicken wir auf eine Zeit vieler Trennungen und bemerken, in den meisten Fällen eins: Wir haben die Zeit überlebt und sind im besten Fall durch das Loslassen gewachsen.

Denken wir zum Beispiel an das Laufen lernen. Oder die Geschichte vom ersten Fahrradfahren ohne Stützräder oder die Hände vom Opa am Gepäckträger, die heute noch jeder erzählen kann. All das waren Situationen des Loslassens und obwohl eine unbekannte Angst uns gewarnt hat, jetzt bloß nicht loszulassen, hat uns dieser Schritt gelernt: Du schaffst das.
Auch wenn man uns manchmal schubsen musste. Ins Schwimmbecken zum Beispiel und ganz plötzlich hast du gemerkt, dass du nicht untergehst.

Ich sitze auf einer Mauer

Gehen wir einen Schritt weiter, in die schlimmste aller Phasen. Das war ganz großes Kino: die Jugend. Alles und jeder ist gegen dich, das Leid ist dein bester Freund und eigentlich willst du nur deine Ruhe.
Schließlich musst du die schmerzhafte Trennung von der ersten großen Liebe und das Loslassen der letzten Hoffnungen verdauen.

Während wir langsam aus der Zahnspange rauswachsen und die Trotzphase vom unüberlegten Tattoo oder Piercing überstanden haben, wartet schon die nächste Herausforderung auf uns: Die Trennung vom Elternhaus.

Und auch im Alter hört es nicht auf, dass wir gezwungen sind loszulassen – von Freunden, Partnern, Großeltern, Eltern – sei es durch Umzug, Verlagerung von Interessen oder den Tod. Aber auch eine neue Job- oder Wohnsituation erfordern bei dem ein oder anderen Momente, in denen er loslassen muss.

Außerdem sehen wir uns mit noch einer Form von Loslassen konfrontiert, dem Fallenlassen. Denken wir an Sex oder die Liebe – wer genießen will muss das fallen lassen, was ablenkt. Alltagsstress oder Ängste, der eigene Körper könnte nicht genügen.

Das Loslassen ist selten ein sichtbarer Prozess. Es bedeutet vielmehr sich von seelischen Altlasten zu befreien oder Ängste abzustreifen. Es ist die Trennung von Erwartungen, Idealen oder Vergleichen mit anderen – die sich als Leistungsdruck niederschlagen, die ein fremdes Selbstbild erzeugen.

Ich vor einem roten Transporter

Loslassen ist gut, heilsam, bringt dich weiter, lässt dich wachsen oder auch genießen.


Also: Lass los!

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