Ich erinnere mich an die immer wiederkehrenden Situationen in meiner Kindheit – tränenreich, missverstanden, trotzig. Das mag zunächst nichts Ungewöhnliches sein. Für mich war es das: Ich war die Heulsuse, die Zicke, die Eingeschnappte unter den Kindern, unter den Cousinen und Cousins. Das hat man mir oft als Antwort auf meine Tränen, meine Wut oder meinen Sinn für Gerechtigkeit zu verstehen gegeben.

Bin ich eine Heulsuse oder hochsensibel?

Häng dich nicht daran auf. Du musst noch lernen, dass man nicht alles an sich ranlassen darf.
Du musst dich mal zurückhalten. Du wirst lernen, über solche Situationen hinwegzusehen.
Sei doch nicht so und heul nicht immer rum. Das ist doch alles halb so wild.

Aber habe ich wirklich gelernt, dass man auch mal nichts sagen soll oder Dinge nicht zu nah an sich ranzulassen?
Lassen mich ungerechte Situationen kalt?
Kann ich darüber hinwegsehen, wenn mich etwas stört, wenn ich Ungerechtigkeit verspüre, wenn mich meine Gefühle übermannen?

Nein. Und ich bin mir ziemlich sicher, das werde ich nie.

Bis heute sehe ich mich oft damit konfrontiert, zu zart besaitet zu sein, überempfindlich zu sein.

Bin ich eine Heulsuse oder hochsensibel?
Bin ich eine Heulsuse oder hochsensibel?

Es ist nicht immer leicht. Nicht für mich, nicht für meine Mitmenschen. Ich bin ein emotionaler Mensch, schon immer gewesen. Ich merke jedoch immer und immer wieder, dass ich extremer reagiere als mein Umfeld. Dass ich Situationen, Gefühle oder eben auch Ungerechtigkeit intensiver wahrnehme – ja auch dann, wenn ich nicht meine Periode habe.

Und es geht weiter. Selbst Gerüche nehme ich intensiver wahr, ich bin lichtempfindlicher und ich spüre die Stimmung in einem Raum oder die Spannung zwischen zwei Menschen.

Nach einigen Stunden vor dem Bücherregal zum Thema Selbsthilfe, habe ich etwas über Hochsensibilität gelesen. Vor einiger Zeit bin ich außerdem über den Beitrag Bin ich etwa hochsensibel auf 7Mind gestoßen. Im Artikel reflektiert die Autorin ihr Verhalten und nutzt Worte wie

  • Selbstkritik,
  • Perfektionismus,
  • Gerechtigkeitssinn,
  • starke Wertorientierung,
  • Stärke nach Außen – harte Schale, weicher Kern
  • Elefantengedächntnis &
  • Grübeln und Emotionen – tage-, wochen-, monatelang zu Vorfällen, die für andere längst vergessen sind.

Hochsensibilität – Fluch & Segen

Ach alles klar, jetzt kommt sie mit so einer neumodischen Krankheit. Kein Wunder, die will ja nur Aufmerksamkeit, wie mit ihrem Gejammer oder Geschrei. Hat der eigentlich schon einmal jemand gesagt, dass Dr. Google kein richtiger Arzt ist.

Ich will mich nicht diagnostizieren.

Ich will herausfinden, wie ich mein Leben und das meiner Lieben entspannen kann, ohne meine Empathie zu verlieren.

Bin ich eine Heulsuse oder hochsensibel?
Bin ich eine Heulsuse oder hochsensibel?

Hochsensibilität ist keine Krankheit. Es ist die Fähigkeit bestimmte Gefühle, Empfindungen, Energien oder andere Einflüsse intensiver oder überhaupt wahrzunehmen, während sie anderen entgehen.
Wer hochsensibel ist, sieht sich leider oft mit Unverständnis konfrontiert. Dabei könnte unserer Ellenbogen- und Einzelkämpfergesellschaft ein bisschen mehr Empathie und Zwischenmenschlichkeit gut tun.

Bin ich eine Heulsuse oder hochsensibel?

Dass sich über die „Sensibelchen“ lustig gemacht wird, wissen wir alle. Vor allem die Herren dürften wissen wovon ich spreche. Bloß keine Gefühle zeigen und wenn, dann wirklich nur im Ausnahmefall und dann auch nur minimal.

Ich leide vor allem dann unter meiner sensiblen Seite, wenn meine Mitmenschen kein Verständnis für mich aufbringen oder es zum Anlass nehmen, mich zurechtzuweisen. Besonders schlimm ist es, wenn ich neben einer ablehnenden Haltung, gleichzeitig spüre wie belastend meine Hochsensibilität für andere ist – ein Teufelskreis.

Warum ich mich trotz allem nicht dafür schäme oder es sogar als Bereicherung empfinde? Hochsensibel zu sein, gibt mir die Chance auf andere Menschen zuzugehen, mich in sie und ihre Situationen hineinzuversetzen.

Im Namen der Gerechtigkeit

Schon immer hatte ich das Bedürfnis, mich für Schwächere oder weniger durchsetzungsstarke Menschen einzusetzen. Nicht selten haben genau das falsche Freunde ausgenutzt.

Zu gut erinnere ich mich an Momente, in denen ich mich schützend vor meinen kranken Großvater gestellt habe, als seine Tochter ihn vor versammelter Mannschaft gepiesackt hat.

Das Ergebnis: Nicht etwa Dank aller umherstehenden Menschen, sondern harsche Kritik an meinem jugendlichen Ungehorsam, meiner Respektlosigkeit Älteren gegenüber. Mir wurde vorgeworfen, was ich selbst angeprangert habe. Und ich weiß, auch aus heutiger Sicht, dass ich alles richtig gemacht habe.

Bin ich eine Heulsuse oder hochsensibel?

Selbst, wenn ich nicht primär betroffen bin, sehe ich mich in der Pflicht meinen Sinn für Gerechtigkeit durchzusetzen. Gemessen an Moral, Alter und Respekt – und ich setze Alter nicht mit Respekt gleich. Auch ein junger Mensch verdient es, respektvoll behandelt zu werden. Alter allein ist kein Verdienst und Nettigkeit und Hilfsbereitschaft sollten keine Fremdworte sein.

Rückzug oder raus mit der Sprache?

Bin ich eine Heulsuse oder hochsensibel?

Ich habe es oft versucht: Dinge runterschlucken. Und dann hängen alle Gefühle wie ein dicker Kloß in meinem Hals. Er hängt dort, hindert mich beim Atmen, beim Essen und Trinken, ja sogar beim Sprechen.

Ich unterdrücke die Tränen, die irgendwann lautlos ihren eigenen Weg suchen. Ich habe dann so viele Gedanken und abertausend Erklärungsansätze. Und trotzdem weiß ich oft nicht, wie ich mich verständlich ausdrücken soll.

Auch wenn ich oft zunächst den Rückzug antrete und versuche mich zu beruhigen, erdrücken mich Gedanken und Gefühle, bis ich aufgebe. Und dann platzt es manchmal einfach so heraus: Ungeschönt und ehrlich – meine Sicht der Dinge.


Ende.

One Reply to “Heulsuse oder hochsensibel?”

  1. Ich bin zufällig bei diesem Post gelandet – ich hoffe, Du findest (weiterhin) eine gute Balance zwischen Dir und den Dir wichtigen Menschen.
    Die einen unterdrücken ihre Emotionen und werden in der Folge in den unmöglichsten Situationen ungerecht, die anderen wüten herum, die nächsten weinen… Ich glaube, keiner dieser Wege ist für alle Seiten optimal. Man kann nur lernen, mit „seiner Art“ und die der Mitmenschen umzugehen.

    Was mich zum Kommentar animiert, ist Deine Aussage „[…] ich setze Alter nicht mit Respekt gleich. Auch ein junger Mensch verdient es, respektvoll behandelt zu werden. Alter allein ist kein Verdienst und Nettigkeit und Hilfsbereitschaft sollten keine Fremdworte sein“. Dieser blinde Respekt und Gehorsam, „nur weil jemand alt ist“, hat mich schon als Kind in Raserei versetzt. Menschen verdienen Respekt, egal wie alt. Nur, weil man alt ist, darf man nicht gemein und überheblich sein.
    Nun bin ich selbst Mutter und nicht in der Lage, meinem Kind diesen pauschalen, unverdienten Respekt gegenüber Älteren einzutrichtern, weil mir die Überzeugung fehlt. Dadurch eckt man ganz schön an…

    Liebe Grüße aus Berlin!

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