ZEHN Jahre fühlten sich früher an wie eine halbe Ewigkeit. Aber was sind schon 10 Jahre. Die #10YearsChallenge ist gerade der Social Media Trend und eigentlich hatte ich mir geschworen bei diesem Trend nicht mitzuziehen. Aber seit ein paar Tagen habe ich mir immer wieder Gedanken dazu gemacht.

Für die meisten ist die #10YearsChallenge wahrscheinlich nur ein witziger Exkurs in die Vergangenheit. Ein Bild, ein Augenzwinkern und fertig.
Mich allerdings hat die #10YearsChallenge zu tieferen Gedanken bewegt. Ich habe angefangen länger darüber nachzudenken was in den vergangenen 10 Jahren mit mir passiert ist, was aus mir geworden ist.

#10YearsChallenge

Kritiker wiederum bemängeln, dass Facebook dahinter steckt, um somit an Informationen seiner User zu kommen. Interessante Gedanken dazu bei jetzt.de.

Ich habe meine alten Bilder durchforstet und dabei nicht nur eine äußerliche Veränderung wahrgenommen.
Aber jetzt einfach ein altes Bild rauskramen und posten? Auf gar keinen Fall.

Der Grund: Selbstschutz. Vor 10 Jahren war ich eine Zielscheibe, wurde in Schubladen gesteckt und hatte nicht selten mit Zurückweisung zu kämpfen. Und das, weil ich nicht den Schönheitsstandards entsprach. Weil ich einiges zu viel auf den Rippen hatte.

Dass du dick bist, daran bist du selber schuld!

Und wer dick ist, hat keine Kontrolle über sein Leben.

In den letzten 10 Jahren ist meine körperliche und damit auch seelische Reise eine turbulente gewesen. Von dick zu dünn und zurück zu dick, von stark zu labil zu finster und verschlossen. Es war ein Gewichts- und damit ein Gefühlkarussell.

Dicke können nichts

Heute entspreche ich äußerlich eher dem Bild, dass die Gesellschaft von einer jungen Frau hat.

Und dennoch fühle ich mich angegriffen, wenn über dicke Menschen gesprochen wird. Und damit meine ich solche Gespräche, die vor allem die negativen Eigenschaften dieser Personen in den Vordergrund rücken. Und die immer mit dem Wort ABER gespickt sind.

#10YearsChallenge
Aber…

Dabei spüre ich, wie ich innerlich verkrampfe und mein altes Ich einen Stich versetzt bekommt. Die Löwenmutter in mir brüllt, auch weil meine Familie mit mir im Gewichtskarussell sitzt.
Meist versteinert sich meine Miene und ich bleibe ruhig – die meisten Diskussionen führen in solchen Situationen zu nichts.

Dabei ist es egal, ob du dick oder dürr bist, ein kleiner Mann oder eine – oh Gott wie furchtbar, eine übergroße Frau. Und wer Pickel hat, der wäscht sich nicht.
Aber der Vorteil der kurzen oder langen Menschen? Die Körpergröße zu beeinflussen liegt nicht in deiner Hand.

Dass du dick bist, daran bist du selber schuld! Und wer dick ist, hat keine Kontrolle über sein Leben. Und das heißt natürlich auch, dass ein dicker Mensch auch sonst eher zu den Verlierern gehört.

Dinge, die ich oft in Zusammenhang mit Körperfülle höre: hässlich, erfolglos, unsportlich, Faulheit, Körpergeruch. Und stell dir vor, dass sich diese Leute noch erlauben, sogar etwas zu essen.

Bis auf das Essen, denn ja auch dicke Menschen haben Hunger, kann ich in den letzten 10 oder fast 30 Jahren nicht bestätigen, dass dicke Menschen grundsätzlich hässlich, erfolglos, unsportlich und faul sind. Gemessen an mir, würde ich behaupten, dass ich alles andere als erfolglos, unsportlich oder faul war – selbst als ich dick war. Aber gesehen oder geschätzt hat es keiner, zumindest kein Fremder.

Ich bin schockiert und auch traurig, wie unterschiedlich dich dieselben Menschen wahrnehmen, nur weil du jetzt schlank bist.

Plötzlich wirst du beachtet und vor allem geachtet.
#10YearsChallenge

Du bist, was du isst

Ich war ein dickes Kind, dennoch war ich vier von sieben Tagen in der Woche beim Sport. Ich habe als Dicke Abitur gemacht und war erfolgreich in Ausbildung und Job, manchmal mehr als die Schmalen.

Mein „Leidensweg“ begann in der Kindheit. Und wie wir allen wissen, sind wir Menschen Gewohnheitstiere. Und das was du lernst, behältst du bei. Und sicher war bei mir der Grund für eine Zunahme das viele Essen, trotz Sport und Bewegung.

Als Enkelin der Kriegsgeneration musste ich essen, auch wenn ich nicht wollte. Nun möchte man meine Eltern und Großeltern an den Pranger stellen – doch was will man denen vorwerfen, die es selbst nicht besser wussten.
Und auch später – etwa in der Jugend, dann wenn du dein Leben und dein Essverhalten selbst in der Hand hast, ist es schwierig aus alten Mustern auszubrechen. Und während ich heute nicht essen kann, wenn es mir schlecht geht, habe ich früher das Gegenteil getan. Ein Teufelskreis.

Und jetzt kommt mein dickes Aber: Nicht jeder hat einen Einfluss auf seinen Körper. Es gibt die unterschiedlichsten Einflüsse, die dazu führen, dass dein Gewicht nach oben schießt, ohne dass du das willst. Und ich rede hier nicht von übermäßigem Essen. Gene, Veranlagung und auch Krankheiten beeinflussen dein Äußeres.

#10YearsChallenge

Und alle die denken: „war klar, dass das jetzt kommt“ – es war mir eine Freude!

Ich bin kein anderer Mensch, nur weil ich schlank bin

Und auch ich war unglücklich mit mir, mit meiner Figur und das haben andere zu spüren bekommen. Miese Laune, finsterer Blick? Wieso sollte ich auch lachen oder freundlich sein, zu Menschen, die mich verurteilen, nur weil ich eben mehr wiege.

Dabei bin ich ein Mensch, der nicht nur aus dem Fleisch auf seinen Knochen besteht. Alle predigen Individualität, aber leben darf sie keiner. Ich habe mich deshalb hinter einer Mauer versteckt, die mindestens genauso dick war, wie ich.

Doch ich habe es geschafft. Es hat mehrere Anläufe gebraucht und derzeit bin ich so, wie die Gesellschaft eine Frau gern hätte – oder zumindest annähernd so.
Und nun schwinge ich selbst die Medikamentenkeule, denn ich kämpfe mit Medikamenten gegen Dinge, auf die ich keinen Einfluss habe – egal wie wenig ich esse oder wie exzessiv ich Sport treibe.

#10YearsChallenge

Warum ich abgenommen habe? Natürlich bringt es gesundheitliche Vorteile, nicht zu viel auf die Waage zu bringen. Aber auch, weil ich mich unwohl gefühlt habe. Und zu diesem Unwohlsein hat vor allem die Gesellschaft beigetragen.

Ich bin schockiert und auch traurig, wie unterschiedlich dich dieselben Menschen wahrnehmen, nur weil du schlank bist. Plötzlich wirst du beachtet und vor allem geachtet. Dir werden ohne Weiteres Merkmale zugesprochen, zu denen du als dicker Mensch offensichtlich nicht im Stande bist: klug, schön, interessant und erfolgreich sein.


Ende.

2 Replies to “#10YearsChallenge

  1. Liebe Anni,

    Du hast hier wieder einmal sehr wahre und persönliche Worte geschrieben. Und leider ist es wirklich so, dass man aufgrund seines Aussehens in Schubladen gesteckt wird. Die Medien machen es uns vor. Sogar Mädels mit Konfektionsgröße 38 schummeln sich in den Sozialen Netzwerken noch schlanker. Unsere Gesellschaft strebt einem Schönheitsideal nach, das nicht normal ist. Hat die „normale Frau“ nicht Kleidergöße 42?
    Auch ich merke manchmal, dass ich jetzt mit meiner Figur schräg angeschaut werde. „Meinst Du nicht, du könntest etwas abnehmen?“ Meine Antwort ist: Nein! Klar ein paar Kilos weniger wären ganz schön und ich kenne mich schlank. Vor ein paar Jahren allerdings gab es bei mir ein privates Problem und ich habe innerhalb von einer Woche 8 kg abgenommen, hatte auf einmal ein Gewicht wie mit Anfang 20. Und habe mich damit nicht wohl gefühlt. So etwas möchte ich nicht noch einmal durchmachen. Dann lieber etwas mehr auf den Rippen., auch wenn es in den Augen einiger zu viel ist.
    Denn – wie Du schreibst – wenn man sich in seinem Körper wohlfühlt, strahlt man das aus.

    Bleib, wie Du bist, denn einen Menschen machen ganz andere Dinge aus, als nur Äußerlichkeiten.

    Ganz liebe Grüße,

    Deine Tabea
    von tabsstyle.com

  2. Liebe Anni, Du sprichst mir aus der Seele. Auch ich habe das Gefühl, dass man heutzutage nur etwas wert ist, wenn man hübsch, schlank, gesund und vor allem jung ist. Ich bin jetzt fast 54 Jahre, weder schlank noch jung und auch nicht mehr so attraktiv wie früher. Ich finde es ganz schlimm, dass man nicht mehr sein eigenes ICH sein darf. Pausenlos beschäftigt man sich damit, der Gesellschaft gerecht zu werden. Für mich ist das verschwendete Zeit. Schon länger habe ich beschlossen, dass ich Veränderungen nur noch für mich anstrebe. Ich hoffe es gibt bald wieder andere Zeiten, in dem die Oberflächlichkeiten, wie von Dir beschrieben, keine Bedeutung mehr haben.
    LG Deine Mutt

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